Oberwalliser Querpfeife

Das Spiel der Natwärisch-Pfeife am Fronleichnam in Visperterminen (Copyright Heidadorf Visperterminen, 2012).
Unter dem Begriff Natwärisch-Pfeife oder mundartlich Natwärischpfiiffa («natwärisch»: Oberwalliser Dialektwort für «quer») versteht man im Oberwallis eine zylindrisch gebohrte Querpfeife aus Holz, die im Unterschied zur Querflöte und zum Orchesterpikkolo einteilig ist und weder Klappen noch eine Mundplatte als Spielhilfen aufweist. Die sogenannte Pollenpfiiffa weist an den Enden je einen Knauf auf, während sich die fifre oder fluta des Unterwallis an einer Zwinge aus Metall als Endverstärkung erkennen lässt.
Diese einfache Querpfeife bildete zusammen mit einer Trommel die Militärmusik des mittelalterlichen Fussvolkes. Dieses älteste Ensemble der schweizerischen Militärmusik lässt sich um 1430 nachweisen und ist in vielen Illustrationen der eidgenössischen Bilderchroniken des späten 15. und frühen 16. Jahrhunderts dokumentiert. Als sogenannte Schweizerpfeife und fifre d’Allemagne der Reisläufer kommt sie auch in musiktheoretischen Werken des 16. Jahrhunderts vor.
Nachdem das fast 500-jährige Ensemble mit Melodie- und Rhythmusinstrument in der Militärmusik durch die Blech- und später die Harmoniebesetzung (Blech- und Holzblasinstrumente) ersetzt worden war, blieben Pfeife und Trommel als sogenannte Ahnumüsig (Ahnenmusik) im Kanton Wallis von 1903 an in zivilen Vereinen lebendig.
Gestützt auf historische Bildquellen wurden ab 1918 die ersten Natwärisch-Pfeifen aus Obstbaumholz gedreht, vermehrt dann ab den 1930er-Jahren. Der klassische, noch heute im Oberwallis verbreitete Typ ist etwa 45 cm lang, also kürzer als eine Querflöte, aber länger als ein Pikkolo. Vom tiefsten Ton D4 aus lassen sich durch Überblasen zweieinhalb Oktaven spielen. Mittlerweile werden auch Natwärisch-Pfeifen in anderen Stimmungen gebaut, die das Spiel zusammen mit dem Schwyzerörgeli erlauben.
Unter den Oberwalliser Sektionen des Schweizerischen Tambouren- und Pfeiferverbandes (STPV), die regional im Oberwalliser Tambouren- und Pfeiferverband (OWTPV) organisiert sind, dominiert dieser Pfeifentyp. Diese Vereine machen an Treffen und Wettspielen der kantonalen, regionalen und der schweizerischen Verbände mit, begleiten aber in den Dörfern auch religiöse Feste und Volksbräuche.
Am Fronleichnam, dem katholischen Hochfest nach Pfingsten, sind im Wallis neben der Geistlichkeit auch die Pfeifen- und Tambourengruppen, die Blasmusik sowie Vertretungen der weltlichen Behörden fester Bestandteil der Feierlichkeiten. In einer Flurprozession tragen Geistliche die Monstranz mit dem Allerheiligsten durch die Strassen und Gassen der Dörfer und die Heiligenfiguren zu den im Feld aufgerichteten, blumengeschmückten Altären. In Visperterminen (VS) und vielen Dörfern des Oberwallis hat diese kirchliche Prozession mit auf der Natwärisch-Pfeife gespielten Weisen den Charakter eines Volksbrauches.
Beim Vignolage der Bevölkerung aus dem Val d’Anniviers am ersten Samstag im März kommen nach altem Brauch die Männer und in neuerer Zeit auch Frauen zur ersten Arbeit in den Gemeindereben nahe Siders/Sierre an der Rhone. Während der Säuberung von dürrem Geäst spielen eigens aufgebotene Ensembles aus Querpfeifen und Trommeln Märsche und Tänze wie L’Appel au drapeau und La Rousse. Die Musikantinnen und Musikanten begleiten dieses Gemeinwerk und erinnern daran, dass früher viele Arbeiten von Musik, meistens von Liedern, begleitet wurden.
Brigitte Bachmann-Geiser: "Natwärisch-Pfeife", in: Dictionnaire de la musique en Suisse, Version du: 26.09.2026. En ligne: http://mls-dms.ch/view/natwaerisch-pfeife-VUWq. Consulté le 04.10.2026.