Komponist, Dirigent, Pianist, Pädagoge
*24.05.1936 in Budapest (H), †14.11.1995 in Aarau (AG), ab 1969 von Schönenwerd (SO). Sohn des László, Geschäftsmann, und der Julianna Hedvig, geborene Pfeffer, Übersetzerin. Eine Schwester. ⚭1969 Mieke Leentvaar (1939–2015), Tänzerin, Choreographin, Pädagogin. Vater zweier Kinder.
Tamás wuchs in einer musikalischen Familie auf; der Vater spielte Geige. Das Interesse des Kindes zeigte sich schon früh, die musikalische Ausbildung wurde aber durch Krieg und Verfolgung unterbrochen. Nach Ende des Zweiten Weltkriegs studierte Tamás Klavier bei Klára Máthé und Komposition bei Ferenc Farkas in Budapest. Kurz nach der gescheiterten ungarischen Revolution 1956 gelang ihm die Flucht in die Schweiz, wo er seine Studien fortsetzte und abschloss (Walter Frey und Karl Engel, Klavier; Sándor Veress, Komposition; Paul Müller-Zürich, Dirigieren). Er arbeitete als Solorepetitor am Stadttheater (heute Opernhaus) Zürich (1961/1962), als 1. Kapellmeister am damaligen Städtebundtheater Biel-Solothurn (1963–1970) und leitete den Orchesterverein Aarau von 1963 bis zu seinem Tod. Er war musikalischer Leiter der Aargauer Oper (später Schweizer Gastspieloper, 1970–1984) und unterrichtete als Hauptlehrer für Klavier an der Alten Kantonsschule Aarau (1973–1995).
Sein kompositorischer Nachlass, der heute in der Paul Sacher Stiftung in Basel aufbewahrt wird, umfasst etwa 125 Werke. Der Einfluss der ungarischen Schule (Bartók und Kodály) ist im Frühwerk noch stark spürbar. Später entwickelte Tamás eine eigene, chromatische, aber nicht serielle Tonsprache, in der kontrastierende Charaktere und dramatische Höhepunkte eine wichtige Rolle spielen. Zuweilen verwendete er auch experimentelle Notation (Das infernalische Abendmahl [1972]), verlangte einen gewissen Grad an Improvisation und schrieb Geräusche ohne bestimmte Tonhöhen vor (Spiegelungen [1990]). Der Pianist Jean-Jacques Dünki, Widmungsträger der 1. Klaviersonate (1981), nannte sie «ein Wechselbad der Gefühle», eine Formulierung, die auf zahlreiche Stücke des Komponisten zutrifft (Dünki 2017, S. 60). In seinen Vokalwerken befasste sich Tamás häufig mit tragischen Themen und rang um Trost und Linderung der Schmerzen menschlichen Daseins. Der Ton der letzten Werke wurde immer düsterer; der Sprechchor Es ist Zeit (1995) scheint schon fast den Freitod des Komponisten vorwegzunehmen.
Die drei grossen Chorwerke (Das infernalische Abendmahl [Texte von Georg Heym], Noahs Tochter [1986; Texte von Claudia Storz] und Die Stimmen der Erde [1993; Texte von Mikhail Naimy]) nehmen einen zentralen Platz in Tamás’ Oeuvre ein. Sie gewähren einen Einblick in die Weltanschauung des Komponisten und bezeugen sein Streben nach äusserem und innerem Frieden. Tamás war auch an den Möglichkeiten des Sprechchors interessiert, einer Gattung, zu der er in den letzten Lebensjahren drei Werke beisteuerte. In Tamás’ umfangreichem Kammermusikschaffen wird die musikalische Form oft durch die mannigfaltige Abwechslung ruhig-meditativer und heftig-erregter Abschnitte dramatisiert. Der Komponist schenkte den Blasinstrumenten (vor allem Flöte und Klarinette) besondere Aufmerksamkeit und bedachte angehende Musikerinnen und Musiker mit zahlreichen pädagogischen Werken.
Unter den bedeutenden Interpreten, die sich der Musik von Tamás angenommen haben, sind unter anderem der Pianist Jean-Jacques Dünki, die Violinisten Felix Forrer und Stefan Läderach, der Flötist Alexandre Magnin sowie der Klarinettist Fabio Di Càsola zu erwähnen. Der Liederzyklus Das Gewicht eines Vogels (1984) nach Gedichten von Erika Burkart wurde von Kurt Widmer und Dünki uraufgeführt. Der Pianist Tomas Dratva setzte sich über viele Jahre mit grosser Hingabe für Tamás’ Schaffen ein, das er auch auf Tonträger einspielte. Im Jahre 2009 brachte Dratva das 1965 entstandene, zu Lebzeiten des Komponisten nie aufgeführte Klavierkonzert zum ersten Mal zu Gehör. Die Uraufführung, mit Dratva und dem Kammerorchester Basel unter Paul Goodwin, ist auch auf CD zu hören.
Tamás’ künstlerische Tätigkeiten beschränkten sich grösstenteils auf die deutschsprachige Schweiz. Als Komponist und Pädagoge dachte er jedoch in universalen Kategorien. Die Worte, die er aus dem Tagebuch von Anne Frank vertonte (Postskriptum [1995]), können als eine ars poetica des Komponisten gelten, der immer danach trachtete, über das Oberflächliche hinauszugehen: «Ich meine die inneren Dinge…».
Mit dem Leitspruch «Nur wer gegen den Strom schwimmt, gelangt zu den Quellen» unterstrich Tamás die Forderung, über Konventionen hinauszugehen und vor allem sich selbst treu zu bleiben. In den letzten Lebensjahren genoss er wachsenden Erfolg als Komponist und erhielt, nebst anderen Ehrungen, einen Kompositionsauftrag von Paul Sacher (Wartender Frühling für Streichsextett [1991]). Die geplanten Festlichkeiten anlässlich seines 60. Geburtstags erlebte er aber nicht mehr.
Rund 125 Werke: Orchester- und Chorwerke, Werke für Sprechchor, Kammer- und Klaviermusik, Bühnenmusik, elektronische Musik.
Peter Laki: "Tamás, János", in: Dizionario della musica in Svizzera, Versione del: 28.09.2026. Online: http://mls-dms.ch/view/tamas-janos-bx60. Consultato il 04.10.2026.